Professor Hans Werner Sinn rockt das Kulturzentrum Jennersdorf

Jennersdorf, 11. 7. 2018

Im Umfeld der aktuellen, österreichischen EU-Ratspräsidentschaft, durfte das südlichsten Bezirk des Burgenlandes niemand geringerer als der deutsche Starökonom Professor DDr. Hans-Werner Sinn begrüßen. Flankiert wurde Prof. Sinn, welcher in einer bemerkenswerten Keynote über „die Weltwirtschaft im Kontext von Trump, Brexit und der Eurokrise“ sprach, vom österreichischen Ökonomen Dr. Stephan Schulmeister und dem Schweizer Unternehmer Claudio Cocca. „Eine beeindruckende Runde, welche im Burgenland sicher ihresgleichen such“, freut sich auch der Präsident des ökonomischen Forums Neusiedler See, KommR. Ing. Günther Michlits.

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Doskozil, Petschnig, Cocca, Sinn, Büroleiter des Wirtschaftslandesrats Ing. Mag. Daniel Jägerbauer

In seinem etwa eine Stunde dauernden Eröffnungsstatement brachte Prof. Sinn die Kernthemen in seiner unnachahmlichen Art präzise auf den Punkt. Trump brächte mit seiner protektionistischen Politik viel Unheil. Würde sich die Situation aufschaukeln und Maßnahmen der USA und Gegenmaßnahmen der EU sich weiterhin aufschaukeln, so gäbe es bald Zölle auf für die europäische Automobilindustrie. „Spätestens dann stecken wir allen in massiven Schwierigkeiten“, so Sinn. Auch Österreich, denn als Zulieferland für den deutschen Automobilsektor stecken hier viele Gefahren.

Für den Brexit wünscht sich Sinn, dass dieser idealer Weise gar nicht erst stattfindet. England ist die zweitgrößte EU-Volkswirtschaft nach Deutschland. „Sein Austritt wiegt so schwer, als würden die 19 kleinsten Volkswirtschaften – darunter auch Österreich – austreten“, analysiert der Professor. Wenn es nicht anders geht, dann solle Großbritannien eben die eine oder andere Vergünstigung bekommen. Hier verkenne die EU ihre Macht.

In Punkto Eurokrise sieht Sinn vor allem Italien in einer schwierigen Lage. „Italien habe sein Preisniveau in den letzten Jahren massiv erhöht, steckt aber im gleichen Währungskorsett wie beispielsweise Deutschland“, so Sinn. Das das nicht mehr lange gut gehen kann erklärt sich faktisch von selbst. Insgesamt gäbe es nur vier Möglichkeiten, Italien noch zu retten.

  • Italien bräuchte eine relativ zu den anderen Euro-Ländern höhere Deflation
  • Deutschland (und Österreich) müssten die Preise im Vergleich zu Italien (Frankreich, Spanien, Portugal,…) relativ erhöhen – also sich inflationieren.

Beide Punkte sind aber geradezu illusorisch. Denn weder würde die deutsche oder österreichische Bevölkerung eine 10-Jahres Inflationsrate von über 35% dulden, noch würde Italien als drittgrößte Volkswirtschaft des Euro-Raums ein dafür notwendige Austeritätspolitik durchhalten. Es nicht einmal angedacht, wenn man den Worten der frisch gewählten, italienischen Regierung hört. Und somit gäbe es nur noch zwei weitere Varianten:

  • Die Transferunion und
  • Der Austritt Italiens aus dem Euro

Die Transferunion wünschen sich vor allem der französische Präsident Macron und die Mediterranen Staaten. Dies würde bedeuten, dass die Schulden eines Staates von den Überschüssen eines anderen Staates gedeckt werden. Deutschland und Österreich würden also die Schulden anderer Staaten zahlen. Eventuell ergäbe sich trotzdem ein negativer Euro-Saldo. Und somit bliebe nur noch die Möglichkeit des Austritts aus dem Euro-Raum, welcher aber in den Statuten gar nicht vorgesehen ist.

„Ich wünsche mir keine dieser vier Varianten, doch kenne weder ich noch andere Ökonomen andere Möglichkeiten wir Italien da wieder rauskommt“, fährt der Professor fort.

In der darauffolgenden, vom „diePresse“-Wirtschaftsredakteur Mag. Nikolaus Jilch sachlich und ruhig moderierten Debatte, wurde es dann doch emotional als die beiden Kontrahenten Sinn und Schulmeister über die Grundsätze der Wirtschaftstheorie zu debattieren begannen. Schlussendlich konnte Jilch beide aber „einfangen“ und ein lehrreicher und aufregender Abend ging zu Ende.

Im Vorfeld des Diskussionsabend wurde zu einer „kleinen Runde“ geladen in welcher burgenländischen Opinion-Leader die Möglichkeit hatten, mit Professor Sinn in gemütlicher Atmosphäre sprechen konnten. Mit dabei waren unter anderem der Präsident der Industriellenvereinigung, Manfred Gerger, der Stellvertretende Direktor der Wirtschaftskammer Burgenland, Dr. Harald Schermann, sowie die Landesräte von FPÖ, MMag. Alexander Petschnig, und SPÖ, Mag. Hans Peter Doskozil.

 

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