Integration in der Region

Oberwart, 30. 11. 2017 –

Vereine öffnen sich

Das Projekt „Integration in der Region“ zieht nach einem Jahr Zwischenbilanz: Vereine leisten eine wichtige Arbeit beim gegenseitigen Verstehen von einheimischer Bevölkerung und Flüchtlingen.

sol

Treffen beim Stadtwirt Oberwart;
v.l.n.r.: Martin Leitgeb / USV Dobersdorf, Lehel Magyari / Union Taekwondo Red Dragons, Gabriela Feuchtl / Fit am Saubach, Karl Baldauf / Jussi Jennersdorf, Dan Jakubowicz / SOL.

Viele Vereine im Burgenland haben eine wichtige Funktion für das dörfliche Leben und den Zusammenhalt der Bevölkerung in den burgenländischen Gemeinden. Was liegt also näher, als auch den im Dorf lebenden Flüchtlingen das Angebot zu machen, dabei mitzuwirken, um das einheimische Leben besser zu verstehen und unsere Sprache zu erlernen.

Durch das gemeinsame Tun kann unsere Lebensart für die „Neuen“ verständlich werden, aber auch die Einheimischen können so das eine oder andere Missverständnis, das durch eine andere Lebenskultur passiert, einordnen – es kommen eben „beim Reden die Leut z‘samm“ – wie es im Burgenland heißt. Das Projekt „Integration in der Region“ von SOL (Menschen für Solidarität, Ökologie und Lebensstil) unterstützt das und führt dazu ein 2-jähriges Projekt durch.

Ein Ziel des Projektes ist das Wecken des gegenseitigen Verständnisses von Einheimischen und einzelnen Flüchtlingen durch das gemeinsame Tun in regionalen Vereinen.

Jetzt am Ende des Jahres 2017 war es Zeit, Zwischenbilanz zu ziehen und zu schauen, was hat geklappt, was ist verbesserungswürdig und was haben die Verantwortlichen in den Vereinen so gemeinsam mit „ihren“ Flüchtlingen erlebt. SOL hat eingeladen, um Rückmeldungen aus der Praxis zu erhalten. Die Palette der Vereine reicht dabei vom Fußballverein, Basketball und Volleyball bis zur Feuerwehr, auch in Bibliotheken, bei der Berg- und Naturwacht, in Seniorenheimen, bei der Tafel wird zusammengearbeitet, Kampfsport, Gesangsvereine und Tischtennisspielen sind ebenso vertreten.

Die MitarbeiterInnen von SOL erheben erst die Fähigkeiten und Wünsche der Flüchtlinge in den Quartieren, suchen entsprechende Vereine und stellen dann den Kontakt her. In der Anfangszeit werden auch kleine und größere Probleme gemeinsam gelöst.

Zwei Hürden gibt es fast immer zu überwinden: die Fahrt und die Deutschkenntnisse. Die Quartiere sind oft abgelegen, und am Abend, wenn die meisten Vereine aktiv sind, gibt es keinen öffentlichen Verkehr. Doch nach dem Motto „Wo ein Wille, da ein Weg“ schaffen wir es gemeinsam fast immer, Lösungen zu finden: Das eine oder andere Fahrrad ist in Familien schon mal überzählig und darf genutzt werden, oder VereinskollegInnen wechseln sich beim Nachhausebringen ab, aber auch weite Strecken zu Fuß werden von den Flüchtlingen in Kauf genommen. Gar nicht genug kann dabei auch das hohe Engagement von Freiwilligen geschätzt werden, die immer wieder bereit sind, Fahrtdienste zu übernehmen.

Bei der Sprache ist es manchmal eine Henne- und Eifrage, denn ohne Kontakt zu Einheimischen wird die Sprache schwer erlernt, ohne Sprachkenntnisse ist es aber schwierig, im Verein zusammen etwas zu tun. Schritt für Schritt kann aber auch hier vieles erreicht werden, außerdem können nun schon sehr viele Flüchtlinge ganz gut Deutsch, da sie die lange Zeit des Wartens auf eine Entscheidung zum Spracherwerb genutzt haben.

Es gab nun am 29. November ein Treffen in Oberwart, zu dem SOL die Vereinsverantwortlichen eingeladen hat, damit sie uns aus der Praxis berichten können und wir unsere Arbeit verbessern können. Gefragt nach Problemen, etwa mit anderen Vereinsmitgliedern, war die fast einhellige Meinung, sobald man sich kennengelernt hat, ist alles o.k.

Fallweise ist es schwierig, wenn die Teilnahme am Vereinsleben nicht so regelmäßig stattfindet wie gewünscht. Oft sind die Betroffenen in psychischen Ausnahmesituationen, vor allem rund um die Zeit, in der sie nach vielen Monaten des Wartens endlich auf eine Entscheidung hoffen dürfen – gleichzeitig aber auch Bangen, was danach kommen wird. Da treten dann Trainingszeiten schnell mal in den Hintergrund. Toll, wie so mancher Vereinsverantwortliche dies dann meistert, Toleranz zeigt und immer wieder bereit ist, Flüchtlinge zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufzunehmen. Auch kulturelle Unterschiede beim Einhalten von Terminen bedürfen erst einiger Energie, bis erlernt wird, dass eine ausgemachte Uhrzeit in Österreich keine Empfehlung ist, sondern ein definitiver Zeitpunkt, an den man sich zu halten hat.

Dass es dann auch zu interessanten Gesprächen und Einblicken in andere Kulturen, in ungewöhnliche Lebensgeschichten kommt, wurde von den Anwesenden als Bereicherung erlebt. Über das Vereinsengagement hinaus wurden dann Flüchtlinge in vielen anderen Lebensbereichen unterstützt, die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ist in unserer Region immer noch sehr groß.

Mehrfach wurde erzählt, dass einzelne Flüchtlinge, die bereits sozial gut eingebunden waren, nach Erhalt eines positiven Bescheids in ein Ballungszentrum abgewandert sind. Der Grund war fast immer, dass die vor einer möglichen Arbeitsaufnahme notwendige staatliche Unterstützung in unserer Region so niedrig war, dass es kein Auskommen im täglichen Leben gab. Nun aber, nach einer gewissen Zeit, sind die ersten Leute wieder in die Region zurückgekommen. Die erlebte soziale Einbindung vor Ort hat das Leben so viel lebenswerter für sie gemacht als die Anonymität der Großstadt, sodass sie lieber in der ländlichen Region weiterleben möchten. Für Regionen, die von Abwanderung bedroht sind, sicherlich ein Gewinn – das ist auch Intention unseres Projektes. Ein großes Danke an alle Vereinsfunktionäre, die sich der Aufgabe gestellt haben.

 

 

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