KUZ Mattersburg

Mattersburg, 9. 12. 2016 –

Spitzmüller: Laut BDA-Bescheid ist das gesamte Kulturzentrum unter Denkmalschutz zu stellen und daher zu erhalten. Ein zweites, von der BELIG in Auftrag gegebenes Gutachten wird weiter unterschlagen, die Autoren werden diffamiert und mit Klagen bedroht.

 

Das Kulturzentrum Mattersburg hat eine kultur- und architekturhistorische Bedeutung, die weit über die Grenzen des Burgenlandes hinausgeht. Und es könnte noch in Betrieb sein – die Mängelliste war klein und wäre in kurzer Zeit behoben gewesen. Stattdessen: Zu den prognostizierten 8 Mio. für den Neubau kommen laut Landesrat Bieler jetzt nochmal 1,5 Mio für die Adaptierung des ursprünglichen Plans hinzu, welche aufgrund des BDA-Bescheids notwendig wird. „Bieler steht damit vor einem architektonischen und rechtlichen Scherbenhaufen und sollte die Verantwortung für diese millionenteure Verschwendung von Steuergeld übernehmen“, so der Grüne Landtagsabgeordnete Wolfgang Spitzmüller.

Chaos um zwei Gutachten

Aktuell gibt es zwei Gutachten. Eines hat, entgegen anderer Meldungen, die BELIG in Auftrag gegeben. Offenbar ist es so brisant, dass man es lieber in der Schublade lässt und stattdessen die Autoren diffamiert. Zuerst hieß es, es gibt kein derartiges Gutachten, dann war es angeblich unvollständig, zuletzt wurde versucht es als Privatgutachten der beiden renommierten Autoren Albert Kirchengast und Stefan Tenhalter darzustellen. Beide wollten ursprünglich auch an der heutigen Pressekonferenz teilnehmen, um ihren Ruf zu verteidigen. Klagsdrohungen der BELIG machen dies jedoch unmöglich. Der Grün-Abgeordnete Spitzmüller verlas daher ihre Stellungnahme dazu (siehe Anhang).

Das zweite Gutachten stammt vom Bundesdenkmalamt (BDA). Es bildet die Grundlage für den Bescheid des BDA, dessen Einspruchsfrist am Mittwoch den 14. endet. In diesem Bescheid wird festgehalten, dass lediglich die Außenerscheinung des Nordtrakts, inklusive des Brunnens an dessen Südseite, sowie dem Steinblock mit der Inschrift geschichtliche, künstlerische und kulturelle Bedeutung zukommt. Was nach einer klaren Aussage klingt, wird jedoch im restlichen Gutachten faktisch widerlegt. Das Gutachten widerspricht sich selbst – und das deutlich. Dies ist detailliert in dem Muster der Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht ausgeführt. Diese Musterbeschwerde hat die Plattform der Bürgermeisterin zur Verfügung gestellt und drängt darauf dieses auch fristgerecht einzubringen (siehe Anhang).

Im BDA-Bescheid heißt es etwa wörtlich „Beim Bau handelt es sich um „das authentisch erhaltene erste Kulturzentrum in Österreich, womit dieser als Dokument der österreichischen Kulturpolitik seiner Zeit anzusehen ist.“ Dem „im Stil des Brutalismus errichteten Gebäude (komme) Seltenheitswert zu, da derartige Bauten mittlerweile Raritäten darstell(t)en. Insgesamt (sei) das gegenständliche Kulturzentrum als ein geschichtlich, künstlerisch und kulturell bedeutendes Denkmal mit Dokumentationsfunktion anzusehen. … der Verlust des gegenständlichen Objektes (wäre) eine Beeinträchtigung des österreichischen Kulturgutbestands.“

Spitzmüller dazu: „Klarer als das Bundesdenkmalamt kann man nicht formulieren welchen Stellenwert das KUZ Mattersburg hat und warum es in seiner Gesamtheit erhalten werden muss.“

Auch namhafte Experten der österreichischen Architekturszene sind schockiert. Axel Hubmann von DOCOMOMO, einer Gesellschaft, die sich für die Erhaltung wichtiger moderner Baudenkmäler einsetzt, meint, dass mit dem Bescheid des BDA, sowohl die moderne Architektur, als auch die Möglichkeit der Verbindung von alt und neu desavouiert würde (Stellungnahme siehe Anhang).

In dieselbe Kerbe schlägt der bekannte Architekturpublizist Otto Kapfinger, der die derzeitigen Pläne als „Fassadenkulisse“ bezeichnet und empfiehlt, den Bescheid des Bundesdenkmalamtes mit allen juristischen Mitteln zu bekämpfen (Stellungnahme siehe Anhang).

Die Grünen fordern daher Bürgermeisterin Salomon auf, diesen Bescheid rechtzeitig zu beeinspruchen. „Mit dieser teuren Huschpfusch-Lösung schadet man sowohl dem Altbestand, als auch dem Neubau, denn der Enwurf des Neubaues basiert ja auf einer völlig anderen Ausgangsbasis,“ so Spitzmüller.


BDA Bescheid rechtswidrig – massive Kritik von Architektur- und Denkmalpflegeexperten

Der Bescheid des Bundesdenkmalamtes, welcher vor einer Woche von Landesrat Bieler präsentiert wurde, ist rechtswidrig. Dies ergab eine von der Plattform eingeholte juristische Begutachtung – die Bürgermeisterin und der Gemeinderat wurden bereits mittels eines Schreibens darüber informiert. Erste eingeholte Expertenstellungnahmen bestätigen die Einschätzungen der Plattform – dieses Projekt ist ein architektonisches und denkmalpflegerisches Worst Case Szenario

 

Der Bescheid des Bundesdenkmalamtes zeichnet sich vor allem durch eines aus: Widersprüchlichkeiten. Während über weite Strecken des Bescheides der Gesamtkomplex als authentisch erhaltenes erstes Kulturzentrum bezeichnet wird und die skulpturale Architektur der Gesamtanlage eine Würdigung erfährt, wurden schlussendlich nur einige Fassaden unter Schutz gestellt. Durch diesen eklatanten Widerspruch veranlasst, wandte sich die Plattform an eine Expertin des öffentlichen Rechts, um den Bescheid juristisch begutachten zu lassen. Deren Einschätzung: Der Bescheid verletzt die materiell- und verfahrensrechtlichen Vorgaben des DMSG und des Allgemeinen Verfahrensgesetzes.

Amtssachverständigengutachten lückenhaft

„Auch das Amtssachverständigengutachten – welches einen maßgeblichen Bestandteil des Bescheides bildet – gibt weder eine schlüssige Erklärung, welche die Teilunterschutzstellung begründet bzw. rechtfertigt, noch findet sich im Gutachten eine umfassende Befundung des Baubestandes. Die Befundung ist sogar in großen Teilen lückenhaft.

Plattform appelliert an Bürgermeisterin und Gemeinderat

Die Plattform appelliert daher an die Bürgermeisterin und den Gemeinderat – als Personen, welche in diesem Verfahren eine Parteienstellung besitzen – gegen diesen Bescheid umgehend Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht einzulegen. Ein entsprechender Beschwerde – Entwurf wurde von der Plattform bereits an die Bürgermeisterin und die Vertreter des Gemeinderates versendet. „Es kann nicht sein, dass man einen rechtswidrigen Bescheid seitens der Stadtgemeinde akzeptiert, nun muss umgehend gehandelt werden, denn die Einspruchsfrist läuft schon nächste Woche ab“, so der Sprecher der Plattform.

Massive Kritik von Otto Kapfinger

Der renommierte Architekturwissenschaftler- und publizist Otto Kapfinger äußerte sich in Form einer öffentlichen Stellungnahme zur Causa KUZ Mattersburg. Die aktuellen Planungen, einige Fassadenreste zu erhalten und unter Denkmalschutz zu stellen, bezeichnet Kapfinger im Hinblick auf Kriterien der Denkmalpflege als auch im Hinblick auf die zeitgemäße Qualität von Architekturkonzepten als völlig fragwürdig. Eine derartige Lösung sei aus seiner Sicht kategorisch abzulehnen.

Der Architekturexperte verweist in seiner Stellungnahme weiters auch auf grundlegende Missstände und eklatante Fehler im ganzen Verfahren, welche zu der jetzigen Situation führten. Für Kapfinger ist es absolut nicht nachvollziehbar, wie ein Architekturwettbewerb ohne die Grundlage einer Bestandsanalyse durchgeführt werden konnte.

Abschließend rät Kapfinger, den Bescheid des BDA mit allen Mitteln anzufechten, um „eine Revision der vorliegenden Planung auf der Grundlage profunder fachlicher und sachlicher Kriterien – und nicht, wie aus dem bisherigen Planungsverlauf zu vermuten ist, im Sinne außerfachlicher Motive – vorzunehmen.“

DOCOMOMO Austria – Vorgehensweise ist fachlich und sachlich disqualifizierend

Auch DOCOMOMO Austria hat gestern in Form eines umfangreichen Schreibens Stellung zum BDA Bescheid und den aktuellen Planungen des Landes genommen. Das Ergebnis der Stellungnahme, verfasst von Prof. Dr Axel Hubmann und Prof. Dr. DI Ute Georgeacopol, ist ebenfalls von massiver   Kritik gekennzeichnet. Die renommierten Denkmalpflegeexperten nennen die aktuelle Vorgehensweise fachlich und sachlich disqualifizierend.   „Den Mauerzug eines Bauwerks als potemkinsches „Denkmal“ stehen zu lassen, hat sich schon in den 70er/80er Jahren des vorigen Jahrhunderts als fachliches „no go“ erwiesen, ist sachlich verpönt und nicht „state of the art“.

 

 

 

 

 

 

 

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