Österreich im Klassenkampf?

Rinner
Prof. h.c. Wolfgang Rinner

Seit Jahrzehnten haben zwei Parteien Österreich unter sich aufgeteilt. SPÖ und ÖVP haben die lukrativen Jobs im Staat, bei der EU, in NGOs, Vereinen, Staatsbetrieben und Institutionen und die dazu gehörenden Privilegien, die üppigen Gehälter und alle anderen wichtigen Positionen für ihre Parteigänger vereinnahmt. Im Schatten der SPÖ haben sich die Grünen und im Schatten der ÖVP, seit Kurzem, die NEOS etabliert. Ein großer Anteil der Parteigänger der Grünen kann wiederum als pragmatisierte Sozialisten bezeichnet werden. Sie besetzen die noch übriggebliebenen Positionen, die ebenfalls wenig produktiv jedoch äußerst lukrativ sind.

Sowohl innerhalb der beiden ehemaligen Großparteien als auch bei den Grünen ist im Laufe der letzten Jahrzehnte ein einflussreiches akademisches Proletariat herangewachsen, dass sich erlaubt, Menschen auf Grund ihrer Bildung oder wegen ihrer vermeintlich banaleren Sorgen und Ansichten als „Ewig Gestrige“ oder als Rassisten herabzuwürdigen.

Die andere Seite der Republik besteht in erster Linie aus Menschen vom Land, die mit ihrer harten, nicht privilegierten und wesentlich schlechter bezahlten Arbeit, zumeist in der Privatwirtschaft, jene finanziellen Mittel aufbringen, die die o.a. Privilegierten für sich beanspruchen. Diese Menschen durften die Bildungsexplosion nicht mitmachen. Sei es aus eigenem Unvermögen oder einfach, weil es sich deren Eltern nicht leisten konnten oder ihnen ganz einfach nicht gestattet hatten, eine Universität zu besuchen.

Schon lange nicht mehr war die Einkommensschere zwischen den Menschen so groß als wie heute. Es geht bei dieser Schere allerdings nicht nur um die Millionäre. Es geht auch um die Einkommen dieser Privilegierten. Noch nie war die Differenz zwischen den Einkommen von Beamten und Öffentlich Bediensteten einerseits und den Arbeitnehmern in der Privatwirtschaft andererseits so groß. Dies gilt auch für die Pensionen.

Während in vielen europäischen Ländern, und damit auch in Österreich, für pensionierte ArbeiterInnen und Angestellte der Privatwirtschaft die Armutsfalle droht oder schon zugeschlagen hat, erhalten pensionierte Privilegierte ein Vielfaches der Einkommen jener, die mit ihren Abgaben dafür sorgen, dass  diese Privilegien überhaupt finanziert werden können.

Es scheint in der Natur von Menschen mit gefüllten Geldbörsen zu liegen, auf andere herabzusehen, die nicht die gleichen Chancen im Leben gehabt haben. Sie diskreditieren diese anderen gerne, weil sie nicht der gleichen Meinung sind oder drängen sie ins rechte Spektrum ab, weil diese Angst vor einer Überfremdung haben.

Nun aber organisieren sich diese Privilegierten. Sie wollen keinesfalls hinnehmen, dass die unterprivilegierte Landeshälfte die Oberhand gewinnt oder gar, welch ein Skandal, in Zukunft den Bundespräsidenten stellt.

Über Jahrhunderte fürchteten Adel und Kirche ihre Pfründe zu verlieren. Dagegen ergriff man damals brutalste Maßnahmen. Heute geht das natürlich nicht mehr. Daher drängt man alle Andersgläubigen  an den rechten Rand. Man organisiert sich über Parteigrenzen und Weltanschauung hinweg, um mit allen Mitteln zu verhindern, dass von unten herauf jemand an die bescheidene Macht eines Bundespräsidenten gelangt. Veränderungen will man nicht akzeptieren. Zumal Veränderung stets mit Verlust gleichgestellt wird.

Was ich nun in Bezug auf die Stichwahl um das Präsidentenamt als akut feststellen kann, sind die hysterischen und geifernden Maßnahmen eines Klassenkampfes von oben herab. Aus Angst vor dem Verlust von unlauter erworbenen Privilegien.

Der Klassenkampf dieses Mal scheint zwischen den gebildeteren, grün orientierten Hautptstädtern und der vermeintlich weniger gebildeten, aber mit Sicherheit weniger privilegierten Landbevölkerung stattzufinden.

Wolfgang Rinner

 

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