Frauen in Männerberufen

Nur wenige trauen sich

Während im Techlab im Eisenstadt eine Enquete zur gendersensiblen Berufsorientierung stattfindet, sitzt die Grüne Landtagsabgeordete in einem Berufsschullehrgang, in dem Mädchen noch weit unterrepräsentiert sind. Ihre Schulkollegin Denise Miehl ist eine von wenigen Mädchen, die sich eine Lehre in einem typischen Männerberuf zugetraut hat: Mechatronik. Gemeinsam mit Regina Petrik beschreibt sie die Herausforderungen für Frauen in klassischen Männerdomänen.

Ein wesentlicher Grund, warum Regina Petrik für ihr heuriges Eintauchen in einen neuen Berufszweig einen Lasertechnologie-Betrieb gewählt hat, ist die damit einhergehende Unterstützung des Anliegens des „Girls’ Days“. Dieser hat sich unter anderem zur Aufgabe gestellt, Mädchen zu animieren, in ihrer Berufswahl den Blick auch in Berufsfelder zu lenken, die traditionell eher Buben zugeschrieben werden. Als Mechatronik-Lehrling will sie gezielt die Aufmerksamkeit von Mädchen und jungen Frauen auf technische Berufe lenken.

„GENAU DAS RICHTIGE FÜR MICH“

Denise Miehl, eine Schulkollegin von Regina Petrik in der Berufsschule Mattersburg hat sich erst im zweiten Anlauf für eine Mechatronik-Lehre entschieden. „Eigentlich wollte ich eine Rechtskanzlei-Lehre machen, fand aber keine Lehrstelle. Dann wurde ich von einer Trainerin am WIFI trotz anfänglicher Gegenwehr zu einer kaufmännischen Lehre überredet. Aber das hat von Anfang gar nicht zu mir gepasst“, erzählt von den Umwegen ihrer Berufswahl. „Erst als ich die Lehre abgebrochen hatte, wurde mir ein Eignungs- und Interessenstest am AMS angeboten. Der hat eindeutig ergeben, dass ich technisch begabt bin. Und als ich im Berufsorientierungskurs am BFI das Fachgebiet der Mechatronik kennenlernte, habe ich sofort erkannt, dass so ein technischer Beruf das Richtige für mich ist.“

NOCH IMMER KÄFIG DER TRADITION

„Wie Denise Miehl ergeht es vielen Mädchen, wenn sie sich für eine Lehre entscheiden“, weiß Regina Petrik aus vielen Gesprächen mit betroffenen Jugendlichen. „Meist wird ihnen bereits im familiären Bereich nahegelegt, einen typischen Frauenberuf zu ergreifen. Dass Mädchen auch ganz andere Neigungen und Fähigkeiten haben können, wird oft vergessen. Auch in Schulen und – wie wir sehen – in professionellen Beratungsinstitutionen ist der Käfig der Tradition noch stark präsent. Darum müssen Aktionen wie der Girls’ Day nicht nur die Jugendlichen selbst, sondern auch ihr gesamtes Umfeld erreichen.“

Wenn ein Mädchen den Sprung in eine technische Ausbildung geschafft hat, dann ist die größte Hürde bereits überwunden. Die nächste Herausforderung ist das Bestehen in einer männerdominierten Berufs- und Ausbildungswelt. Auch Denise Miehl hat diesbezüglich schnell ihre Erkenntnisse gewonnen. „Ich musste den Burschen in meinem Jahrgang gleich zu Beginn klarmachen, wie sie mich zu behandeln haben und was gar nicht geht. Dann gab es eigentlich keine Probleme mehr. Aber man muss sich als Mädchen schon trauen zu sagen, was man nicht will.“

BESSERE BERATUNG, FRÜHERE EIGNUNGSTESTS

Aus den Erfahrungen, die ihre Klassenkollegin ebenso wie andere Mädchen, die in techische Lehrberufe einsteigen, gemacht haben, leitet Regina Petrik ihre Forderung nach einer reflektierteren Berufsberatung und einem früher angesetzten Eignungs- und Interessenstest ab. „Hätte Denise ihren Eignungstest bereits im WIFI ablegen können, wären ihr einige frustrierende Erfahrungen im Ausbildungsweg erspart  geblieben. So eine Fehlberatung kostet ja nicht nur den Jugendlichen wertvolle Lebenszeit, sondern ist auch eine Verschleuderung von Steuergeldern, die in Bildungssackgassen führen.“

ENQUETE STATT BESUCHE IN LEHRBETRIEBEN

Die in den vergangenen Jahren rund um den „Girls’ Day“ mit den Schulen durchgeführten Besuche von Mädchen in technischen Lehrbetrieben wurden heuer seitens des Frauenreferats ausgesetzt, kritisiert Petrik. Dafür findet gerade im Techlab in Eisenstadt eine Enquete zur gendersensiblen Berufsorientierung statt. Petrik: „Ich hoffe sehr, dass unter den angekündigten Expertinnen auf der Enquete auch weibliche Lehrlinge sind. Denn sie wissen am besten, was Mädchen brauchen, um sich zu trauen, ihre eigene Entscheidung für einen traditionellen Männerberuf zu treffen.“

Der geringe Anteil von Frauen in technischen Berufen ist aber nicht nur ein Problem im Handwerksbereich. Auch der Anteil der Frauen in MINT-(Mathematik-Informatik-Naturwissenschaften-Technik)-Studien an der FH Burgenland stieg von 90 im Jahr 2004 nur auf 128 im Jahr 2015. Hier ist also ebenfalls nur eine zögerliche Veränderung sichtbar, so Petrik.

Dass Frauen in technischen Berufen gerade im Burgenland extrem unterrepräsentiert sind, zeigt auch die Tatsache, dass es schwierig ist, Testimonials für entsprechende Kampagnen zu finden. „Es ist im Burgenland für eine Frau noch immer schwer, im Herkunftsumfeld völlig Neues auszuprobieren. Frauen, die sich dem traditionellen Denken entziehen wollen, wandern häufig in Städte ab. Diese fehlen uns dann hier im Burgenland. Auch da haben wir gesellschaftspolitisch noch einiges zu tun.“

COACHING FÜR LEHRLINGE

Unterstützung erhalten Lehrlinge – insbesondere auch Mädchen in für Frauen untypischen Lehrberufen – durch das Projekt Lehre statt Leere. Die Coaches arbeiten anonym, vertraulich, persönlich und kostenlos.
Kontakt: Maga. Carina Riegler, 0664/88272580, riegler@bgld.wifi-trainer.at

 

 

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